Ein Fußballfan auf feindlichem Boden
Übersetzt von Jan. Hier der Original-Artikel auf Italienisch
BEST OF 2010: Dieser Post wurde am 24.06.2010 veröffentlicht
Uns allen ist es wohl schon einmal passiert, sich völlig fehl am Platz zu fühlen: Man kommt verkleidet auf eine normale Party, kommt käseweiß Mitte August zum Strand, wo die anderen schon seit Wochen in der Sonne backen… Auch diesem Blogger ist so etwas passiert. Er gibt uns hier eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt, von einem Fußballfan von Palermo zum Besten. Mit ein paar Freunden hatte er das Vergnügen, ein Palermo-Mailand Spiel in der Kurve der Milanisti zu erleben.
Wochenende bei Freunden aus dem Norden Italiens.
Am Samstag Abend finden wir dann doch die richtige Pizzeria. Richtig in dem Sinne, dass sie einen Fernseher hat, in dem Sky Sport läuft. Das Spiel Palermo-Mailand kann man doch schlecht verpassen.
Nur ist das Lokal, außer dass es einen zu kleinen Fernseher für meine Dioptrien hat, auch Treff/Heim von Mitgliedern eines örtlichen Mailand-Fanclubs.
Geduld (ist die Schwester im Geiste der Vorsicht).
Wir nehmen also Platz. Wir sind zu viert an unserem Tisch, und nur zwei von uns, meine Freundin und ich, sind Fans von Palermo. Unsere Freunde, Vater und Sohn, sind Lombarden, die etwa so am Fußball interessiert sind, wie sich ein Maulwurf für die Venus von Botticelli begeistert.
Der Kellner, dem mein Akzent nicht entgangen ist, tut so, als ob nichts wäre und eilt zwischen unserem Tisch und den Hooligans vor dem Fernseher hin und her. Speisekarte für uns, Bier für die da drüben. Pizza für uns, Bier für die da drüben. Pizzoccheri für uns und Bier für die da drüben. Bier für uns, Bier für die da drüben.
Bei Anpfiff essen wir, und die drüben stoßen an.
Palermo scheint, so viel ich auf dem Bildschirm mitkriege, ganz gut zu spielen. Ich kann allerdings keine Spieler unterscheiden, sondern muss je nach Position und Bewegung raten, wer gerade am Ball ist.
Das Spiel entwickelt sich fair und ich zwinge mich, ruhig zu bleiben, wie es mir der Sohn unseres Freundes geraten hat.
Aber dann trifft Bovo, und meiner Freundin entfährt ein Maunzen.
Vor uns eine Kanonade von Flüchen, die Frucht eines einzelnen Gaumenzäpfchens ist. Der Urheber ist ein junger Mann in weißem Trikot, aus dem behaarte Schultern ragen.
Die Flüche gehen unserem Freund durch Mark und Bein, dennoch verzichtet er darauf zu protestieren, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft nicht auf uns zu ziehen.
Habt ihr schon einmal probiert, ein Fußballspiel euer Lieblingsmannschaft mitzuverfolgen, ohne euch dabei etwas anmerken zu lassen? Das ist schwer, kann ich euch sagen.
So muss ich zeitweise einfach aufspringen, werde aber sofort an meinen Hosen wieder auf den Stuhl gezogen, ganz so wie ein unartiges Kind.
Eine Flasche Wasser, bitte.
Still oder mit Kohlensäure?
Mit Kohlensäure bitte.
Der Kellner hat die Mineralwasserflasche noch nicht auf den Tisch gestellt, da schießt Hernandes das 2:0.
Wir drücken uns die Hände unter dem Tisch wie heimlich Verliebte, während der Mailänder dort drüben nach allen Regeln der Kunst flucht, dass die Wände erzittern.
Mein Vater und meine Mutter sind altgediente Palermo-Fans und schicken eine Jubel-SMS nach der anderen. Auf diese Weise erkundigen sie sich nach unserem Wohlbefinden, das sie in Gefahr wissen: Solange wir antworten, ist alles gut.
Ich lege eine ungeahnte Neutralität an den Tag, tausche ein paar technische Meinungen mit zwei Herren aus, die am Nebentisch sitzen. Die schauen mich lächelnd an, fast bin ich überzeugt, sie überzeugt zu haben. In Wahrheit finde ich später heraus, dass sie Fans von Inter sind.
“Sei mal lieber still”, rät mir der Junge, der mit uns ist, ein ums andere Mal. Er spürt offensichtlich die Spannung im Grüppchen der Hooligans steigen.
Inzwischen bestellen die noch ein Bier. Ich muss auf die Toilette, die sich direkt neben ihnen befindet.
Mit gesenktem Kopf und schnellem Schritt steuere ich die Tür der Toilette an. Einer dieser verdammten Schwindelanfälle nach dem Aufstehen fährt mir genau dann in den Schädel, als ich dem Fluchenden vorbeigehe, der mich für einen Betrunkenen hält.
Schnell entledige ich mich meiner Last und komme genau in dem Moment aus der Tür, als Seedorf zum 2:1 verkürzt.
Ich halte den Atem vor dem Überschwang des Grüppchens an und kehre ohne zu schwanken zu meinem Tisch zurück.
Ich versuche, im neutralsten Tonfall zu sagen, dass Mailand nicht unterschätzt werden dürfe, dass es sich immer noch um eine klasse Mannschaft handele und dass Palermo jedenfalls überlegen sei. Eigentlich hört mir niemand zu, aber still sein, das geht für mich nicht in diesem Moment.
Zwei Grappe, bitte.
Die Spieler von Palermo sind jetzt ein wenig in der Bredouille. Einige Flüche unterstreichen die Unfähigkeit der Stürmer Mailands, das auszunutzen.
Weiter so, denke ich.
Weiter so, betet meine Freundin. Für unsere Mannschaft und unsere Unversehrtheit.
Und dann dieser großartige, magische Augenblick von Miccoli, der mit der Leichtigkeit eines Künstlers den Ball ins Netz befördert…
Alles wird auf einmal ruhig.
Der große Flucher flucht nicht mehr.
Unsere Freunde schauen sich etwas verloren an.
Der Kellner stiert mit zwei Margheritas in der Hand die Wiederholung an.
Meine Freundin umfasst meinen Arm.
Ich beherrsche mich so sehr, dass mir der Schrei fast in der Kehle implodiert. Heraus kommt nur ein “Ja!”, das sich im allgemeinen Lautstärkepegel der Pizzeria, dem Jubel von Barbera aus dem halblaut geschalteten Fernseher und dem Läuten des Glöckchens, das aus der Küche neue Pizzoccheri meldet, verliert.
Danach geht alles sehr schnell. Das Spiel bis zur Neunzigsten Minute, die SMS mit meinen Eltern, der Abtritt der Fans in Rotschwarz, die Rechnung (geht natürlich auf uns) und der Ausgang, den wir zielstrebig ansteuern.
Im Auto können wir dann endlich wie kleine Jungs auf Klassenreise jubeln.
Der Jubel beim Fußball ist wie das Niesen: Unterdrückt man ihn, kann er der Gesundheit schaden.
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